Hohe Standards, harte Realität
05.06.2026 RegionalesInternationaler Tag der Milch: Bauernschaft legt verschärfte Produktionsbedingungen dar und appelliert an Konsumenten, zu regional produzierten Produkten zu greifen.
Unter dem Motto „Vom Bauernhof zum Konsumenten“ – oder, wie es Kammerobmann Peter ...
Internationaler Tag der Milch: Bauernschaft legt verschärfte Produktionsbedingungen dar und appelliert an Konsumenten, zu regional produzierten Produkten zu greifen.
Unter dem Motto „Vom Bauernhof zum Konsumenten“ – oder, wie es Kammerobmann Peter Kettner formulierte, „vom Stall ins Regal“ – machte die Bezirkskammer für Land- und Forstwirtschaft Liezen anlässlich des Weltmilchtages am 1. Juni deutlich, welcher Aufwand hinter einem Liter Milch steht. „Gepflegte Kulturlandschaft ist das Koppelprodukt der Landwirtschaft“, betonte Kettner. Gerade in einer alpinen Region wie dem Bezirk Liezen sei die tägliche Arbeit auf den Höfen mit besonderem Einsatz verbunden. Zugleich stehen die Landwirte unter massivem Veränderungsdruck. Der Strukturwandel in der Milchwirtschaft schreitet seit Jahren voran. Während ein steirischer Milchviehbetrieb im Jahr 2010 durchschnittlich 10,5 Kühe hielt, waren es 2025 bereits 24,6 Kühe. Die Zahl der Milchkuhhalter ist jedoch im selben Zeitraum deutlich zurückgegangen: von 7747 Betrieben im Jahr 2010 auf nur noch 3335 im Jahr 2025. „Veränderungen sind normal. Aber das Tempo macht uns zu schaffen“, sagte Kettner. Viele Betriebe kämen angesichts steigender Anforderungen, hoher Investitionskosten und volatiler Märkte an die Grenzen ihrer Belastbarkeit.
Rund um die Uhr
Wie anspruchsvoll der Alltag auf einem Milchviehbetrieb ist, schilderte Milchbäuerin Rita Kapp aus Fischern in der Gemeinde Aigen im Ennstal. Auf ihrem Betrieb werden rund 70 Milchkühe gehalten, mit Nachzucht umfasst der Bestand etwa 150 Tiere. Landwirtschaft bedeute Arbeit an 365 Tagen im Jahr, kein Urlaub und Arbeitszeiten genauso in der Nacht. „Unsere Kühe können wir nicht in Karenz schicken“, brachte sie die Situation bäuerlicher Familien auf den Punkt. Wenn jemand ausfalle, müsse das meist innerfamiliär aufgefangen werden. Dennoch stelle man sich den Herausforderungen: „Wir produzieren ein hochwertiges Nahrungsmittel, wo man sich sicher sein kann, dass keine Antibiotika, Hormone, etc. enthalten sind.“
Mehr Milch, weniger Lieferanten
Für die Vermarktung und Verarbeitung der Milch ist in der Region die Ennstal Milch ein zentraler Partner. Der Exportanteil der Ennstal Milch liegt bei mehr als 58 Prozent. Neben Käseprodukten setzt das Unternehmen besonders auf Getränke. Aktuell produziert die Ennstal Milch unter anderem vier Eiskaffee-Sorten für Lavazza für den europäischen Markt. Andreas Radlingmaier, Aufsichtsratsvorsitzender der Landgenossenschaft Ennstal, erinnerte daran, dass die Anfänge bis ins Jahr 1902 zurückreichen. Heute verarbeitet das Unternehmen rund 92 Millionen Kilogramm Milch pro Jahr. Der Bezirk Liezen weist dabei einen sehr hohen Bioanteil von 24 Prozent auf. Die Zahl der Lieferanten ist jedoch deutlich gesunken. Um das Jahr 2000 lieferten noch rund 1300 Betriebe etwa 66 Millionen Kilogramm Milch. Heute sind es weniger als 580 Lieferanten, die insgesamt rund 92 Millionen Kilogramm produzieren.
Große Verantwortung
Klemens Hartl, Aufsichtsratsvorsitzender-Stellvertreter der Landgenossenschaft Ennstal, verwies auf die hohen Standards in Österreich. Tierwohl, Stallanforderungen, Gentechnikfreiheit sowie Dokumentations- und Kontrollpflichten verursachten zusätzliche Kosten. Diese müssten am Markt jedoch auch abgegolten werden. Gerade bei einem hohen Exportanteil sei das schwierig, weil österreichische Milchprodukte im internationalen Wettbewerb mit Ländern stünden, in denen andere, niedrigere Produktionsbedingungen gelten. Der internationale Vergleich zeigt die Größenunterschiede deutlich. Während österreichische Milchviehbetriebe im Schnitt 24 Kühe halten, sind es in Deutschland 73, in Dänemark 236, in den USA 357 und in Neuseeland 440 Kühe pro Betrieb. Dennoch treffen die Produkte am Markt aufeinander.
Viele Herausforderungen
Sorgen bereitet den Verantwortlichen derzeit die Preisentwicklung. Das Jahr 2025 habe beim Milchpreis zunächst gepasst, inzwischen sei der Preis jedoch deutlich gefallen. Im konventionellen Bereich liegt der Erzeugermilchpreis derzeit bei rund 44 Cent, der Biozuschlag beträgt 10,6 Cent. Zusätzlich belasten gestiegene Kosten für Energie, Treibstoffe, Dünger und Betriebsmittel sowie klimawandelbedingte Trockenschäden die Betriebe. Auch die Märkte bleiben volatil. Kettner brachte es so auf den Punkt: „Freier Handel klingt nett, aber wenn du mit Überschuss konfrontiert bist, wird das eine beinharte Sache.“ Die Botschaft zum Weltmilchtag war damit klar: Wer regionale Milchprodukte kauft, entscheidet sich nicht nur für ein Lebensmittel, sondern auch für bäuerliche Familienbetriebe, hohe Qualitätsstandards, Tierwohl und den Erhalt der Kulturlandschaft im Bezirk Liezen.

